Die ehrwürdige Pendeluhr im Winkel des Wohnzimmers ließ ihr behäbiges Ticken übernehmen, als die Familie sich am massiven hölzernen Eßtisch zusammenfand. Es war ein Sonntagabend, jenes Tagwerk des Einklangs, an welchem ​​die Familie Riemer althergebracht beisammensaß, um zu schmausen und, nicht selten, in hitzigen Wortgefechten zu münden. Der Tisch war wohlfeil gedeckt: eine dampfende Schüssel mit Erdäpfelgratin, dazu ein goldgelb gebratener Schweinsbraten und ein Schüsselchen mit Butterschoten, deren lieblicher Duft den Raum durchdrang.

„Setzt Euch nieder, setzt Euch nieder“, drängte Herr Riemer, der an diesem Abend die Verantwortung über die Kochkunst an sich gerissen hatte. Sein Antlitz strahlte eine Mixtur aus Stolz und gespannter Erwartung aus, gleich einem Alchimisten, der den Erfolg seiner Mixtur herbeisehnte. Frau Luise, seine angetraute Gemahlin, nickte wohlwollend und ließ sich nieder, indes die Sprösslinge, Marlene und Jonas, ihre Plätze auf den gepolsterten Stühlen eingenommen.

Jonas beäugte den Braten mit einem Blick, der zwischen Skepsis und stillem Grauen schwankte. „Das schaut… interessant aus“, murmelte er, bevor er sich vorsichtig ein kleines Stückchen auf seinen Teller bugsierte.

„Interessant?“ fragte der Vater, die buschigen Brauen, dick wie Borsten, hoben sich wie zum Protest. „Das Rezept entstammt einem Kochbuche, älter als Ihr beide zusammen!“ Ein wahrer Gaumenkitzler, sag‘ ich Euch.“

„Nun, Papa“, hob Marlene an, bemühte sich um eine wichtige Tonart, während sie sich eine stattliche Portion Gratin auf den Teller häufte, „es sieht wahrlich nicht übel aus.“ Vielleicht… fehlt nur ein wenig Tunke?“

Herr Riemer schnaubte wie ein aufgeschreckter Ochse. „Tunke! Tunke ist für schwachmütiges Fleisch, Marlene. Dieser Braten braucht überhaupt keine Verkleidung!“

Jonas schnitt ein erstes Stück des Bratens ab und führte es bedächtig zum Munde. Kaum hatte er darauf gekaut, hielt er inne, seine Stirn legte sich in Falten, als koste er an einer unreifen Quitte. „Papa“, begann er zaghaft, „sag‘ einmal… hast Du heute etwas Neues erprobt?“

„Gewiß habe ich das!“ Der Vater richtete sich stolz auf, schnell, als stünde er vor einem Auditorium. „Das ist ein Schweinsbraten nach uraltem Brauch. Gewürzt mit Kümmel und Majoran, so wie es dereinst die Großmutter tat.“

„Kümmel“, wiederholte Jonas, ein Hauch von Abscheu durchwehte seine Stimme, „das erklärt einiges.“

Luise, die bisher noch verweilt hatte, legte ihre Gabel bedächtig beiseite und blickte ihren Sohn mit sanftem Tadel an. „Jonas, mein Lieber, so spricht man nicht über ein Mahl, das jemand mit Mühe und Fleiß vorbereitet hat.“

„Aber Mama“, rechtfertigte sich Jonas, „Du weißt doch selbst, wie Dein Schweinsbraten mundet.“ Er ist stets saftig, zart und… na ja, nicht so… trocken.“

Ein unruhiges Raunen ging durch die Tischrunde, und Herr Riemer versammelte seinen Sohn mit einem Blick, als dieser den Vorschlag gemacht habe, die altehrwürdige Pendeluhr zu verhökern. „Trocken, sagst Du?“ Trocken?“ Seine Stimme war schwer wie ein herabfallender Mühlstein. „Das ist doch der Gipfel der Undankbarkeit!“

„Ich sage doch nur, dass Mama es besser beherrscht“, entgegnete Jonas achselzuckend, während er das Stück Braten unauffällig an den Rand des Tellers schob und sich dem Gratin zuwandte.

„Besser?“ Der Vater verschränkte die Arme und richtete seinen durchdringenden Blick auf seine Gemahlin. „Luise, meine Liebe, was meinst Du dazu?“

Luise seufzte, leise, wie eine sanfte Brise über die Felder. Sie hatten diese Kontroverse kommen sehen, wie ein herannahendes Unwetter, dessen Vorboten schon lange am Himmel standen. „Um der Wahrheit die Ehre zu geben“, begann sie bedächtig, „ich hätte vielleicht etwas weniger Kümmel verwendet.“

„Weniger Kümmel!“ rief Herr Riemer aus, seine Stimme klang, als rezitiere er eine Tragödie. „Nun verschwören sich alle gegen mich! Jonas, sei ehrlich – würdest Du lieber wieder Mutters Braten essen?“

„Ganz ehrlich?“ Jonas‘ Blick blieb fest. „Ja.“

„Da haben wir’s!“ Herr Riemer schlägt mit den Händen auf den Tisch, als habe er ein rätselhaftes Geheimnis gelöst. „Ihr seid so verwöhnt, dass es schier kein Maß kennt!“ Ihr wißt gar nicht, wie viel Schweiß und Mühe in einem solchen Braten stecken.“

„Mühe allein macht noch keinen Wohlgeschmack“, warf Marlene ein, bevor sie hastig ein Stückchen Gratin in den Mund schob, um einer weiteren Erörterung zu entgehen.

„Ach, Marlene, auch Du?“ Herr Riemer lehnte sich zurück, wie einer, der gerade eine schwere Last von sich schiebt. „Wißt Ihr was? Nächstes Mal kocht Ihr alle selbst. Ich werde mich an den Tisch stellen und Eure Kunstwerke verkosten – mal sehen, wie Ihr es macht.“

„Vielleicht ist das gar keine schlechte Idee“, warf Luise ein, und ein feines Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Vielleicht sollten wir wirklich alle mal eine Woche lang kochen. Das wäre doch ein feiner Zeitvertreib.“

„Feiner Zeitvertreib! Pah!“ Herr Riemer schüttelte den Kopf, aber seine Augen blitzten amüsiert. „Aber gut. Ich nehme die Herausforderung an. Und Ihr werdet sehen, dass mein Schweinsbraten nächstes Mal noch prächtiger wird.“

Jonas und Marlene tauschten einen vielsagenden Blick. Die Pendeluhr tickte weiter, unbeeindruckt von der Dramatik am Eßtisch, und der Abend schritt gemächlich voran, während die Familie sich allmählich wieder den übrigen Speisen zuwandte – und dem guten, alten Gespräch, das sie seit jeher verband.

Ein Abendessen wie zu alten Zeiten

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