Ein erweitertes Beobachtungsprotokoll

Vorbemerkung
Das folgende Protokoll dokumentiert ein Meeting in freier Wildbahn.
Es wurde leicht nachgestellt – und wer sich darin erkennt: keinesfalls beabsichtigt.
Die Teilnehmenden bewegen sich in einer unbeobachteten Situation, die eine freie Entfaltung ermöglicht.
09:00 Uhr – Der Einstieg ins Ungefähre
Das Meeting beginnt pünktlich. Also annähernd nahezu.
Der Moderator ist noch nicht da, und lässt sich auch Zeit.
Die ersten Kollegen im Homeoffice betreten die Bühne und fangen schon mal an belanglose Höflichkeiten auszutauschen: letztes Wochenende, Wetter, Verkehr (der auf der Straße!) und Neues von den oberen Zehntausend…
Endlich sind alle da, der Moderator kommt zum Schluss und wirkt gestresst:
„Ähm… ja… schön, dass… also… ich glaube, wir sind soweit vollständig… oder?“
Eine kurze Pause entsteht. Niemand fühlt sich zuständig, Vollständigkeit zu bestätigen.
Zur Sicherheit sagt jemand: „Ich glaube schon.“
Diese Aussage bleibt unüberprüft und wird damit zur Arbeitsgrundlage.
09:05 Uhr – Der private Korridor
Bevor Inhalte beginnen können, wird zunächst Menschlichkeit hergestellt.
„Wie war euer Wochenende?“
Es folgt erneut eine spontane, unkoordinierte Sammlung persönlicher Eindrücke:
– Wetter war gut
– Bahn war schlecht
– Kinder waren laut
– Garten war Arbeit
Ein Teilnehmer berichtet ausführlich von einer Grill-Erfahrung, die mehrere Wendungen nimmt und in einer leicht philosophischen Betrachtung über die richtige Garstufe endet.
Der Moderator nickt sichtbar, leider kann dies niemand sehen – denn seine Kamera ist aus. Inhaltlich greift er nicht ein.
09:07 Uhr – Der Übergang zur Unschärfe
„Gut… dann würde ich sagen… wir steigen mal ein.“
Worin genau und „wer“ eingestiegen wird, bleibt offen.
Die Agenda existiert vermutlich. Sie ist jedoch nicht in diesem Meeting.
Ein Teilnehmer teilt überraschend seinen Bildschirm. Es erscheint eine Datei mit dem Titel:
final_v3_neu_überarbeitet_final2.pptx
09:10 Uhr – Erste Strukturversuche
„Ich würde vielleicht einmal ganz kurz erklären…“
Dieser Satz markiert den Beginn eines Überblicks, der sich zunehmend von seiner ursprünglichen Kürze entfernt.
Es wird erklärt, wie man zu dem aktuellen Stand versuchte zu kommen.
Der aktuelle Stand selbst ist jedoch unklarer als eine schwarze Katze im Dunkeln.
09:18 Uhr – Mikromanagement setzt ein
Ein Detail wird entdeckt. Ein sehr kleines Detail.
„Könnten wir vielleicht den Punkt auf Seite 4.2.1 noch etwas anders formulieren?“
Daraufhin folgt eine Diskussion über:
– ein einzelnes Wort
– zwei alternative Begriffe
– die Frage, ob ein Doppelpunkt angemessen wäre
– Gendering
– Umweltaspekte
Drei Personen äußern differenzierte Meinungen zur Tonalität. Zwei andere gehen sich einen Kaffee holen, aber es merkt keiner, denn die Kameras sind aus. Vermutlich bügelt irgendjemand…
Eine andere Person schlägt vor, das später noch einmal „in Ruhe“ & „mit klarem Kopf“ anzuschauen.
09:27 Uhr – Vertiefung ohne Kontext
Ein zweites Detail wird identifiziert. Dieses steht in keinem erkennbaren Zusammenhang zum ersten. Aber das scheinen alle Teilnehmenden bereits zu kennen.
„Mir ist da noch was aufgefallen…“
Die Diskussion verlagert sich vollständig. Zwei andere holen sich nun im Hintergrund Kaffee (oder etwas Interessanteres…). Bügeln kann echt entspannend sein.
Das ursprüngliche Thema wird stillschweigend verabschiedet, ohne dass es jemand bemerkt.
09:34 Uhr – Erste leichte Orientierungslosigkeit
Ein Teilnehmer fragt vorsichtig:
„Was war nochmal genau das Ziel von heute?“
Kurze Stille.
Der Moderator antwortet:
„Ja, gute Frage… also im Grunde…“
Der Satz bleibt offen und wird durch einen neuen Bildschirmwechsel ersetzt.
09:41 Uhr – Parallele Realitäten
Mehrere Gesprächsstränge entstehen gleichzeitig. Es wird nun etwas unruhig.
Ein Teil der Gruppe diskutiert Inhalte.
Ein anderer Teil spricht über Zuständigkeiten.
Ein dritter Teil ist sehr froh, dass die Kamera ausgeschaltet ist.
Alle fühlen sich beteiligt, und freuen sich über die Zeit in der keine produktive Arbeit stattfindet.
09:48 Uhr – Zeit wird sichtbar
Der Moderator schaut auf die Uhr.
Man hört es nicht, man sieht es nicht (Kamera aus!) –> aber man spürt es.
„Wir haben noch zwölf Minuten.“
Daraufhin wird beschlossen, nun „nochmal fokussiert“ durchzugehen, was zuvor bereits unfokussiert behandelt wurde.
09:52 Uhr – Verdichtung durch Wiederholung
Die wichtigsten Punkte werden erneut angesprochen.
Diesmal schneller, und sehr nebulös.
Ein Teilnehmer fasst zusammen, was er verstanden hat. (Neuer Mitarbeiter, anscheinend kennt den keiner…)
Ein anderer korrigiert ihn. (…ach der ist wieder aus dem Urlaub zurück)
Ein dritter relativiert beide Seiten. (-wer auch immer das war, es hört eh keiner mehr zu-)
09:56 Uhr – Der finale Kreis
Der Moderator meldet sich wieder.
„Gut… dann würde ich sagen… wir kommen langsam zum Ende.“
Eine kurze Pause. Erwartung entsteht.
Dann folgt der zentrale Satz:
„Ich habe jetzt nichts mehr.“
Dieser Satz wirkt nicht wie ein Abschluss, sondern wie eine Feststellung und eine Warnung wie „wehe einer sagt jetzt noch was…“.
09:58 Uhr – Das versöhnliche Ausklingen
Die Gruppe reagiert brav zustimmend.
Meinungen:
„Ja, war gut.“
„Danke euch.“
„Schönes Wetter heute.“
„Ich brauche einen Kaffee.“
„Hat geholfen.“
Worin genau die Hilfe bestand, bleibt offen.
Das Gefühl, gemeinsam etwas durchlaufen zu haben, ist jedoch deutlich spürbar.
Nachbemerkung
Das Meeting endet ohne klares Ergebnis, aber mit einer leichten inneren Beruhigung dass nun alle den gleichen Wissensstand haben: Keinen!
Die offenen Punkte sind weiterhin offen, wirken jedoch weniger individuell belastend, weil keine To-Do’s vorhanden sind.
These
Ein Meeting löst nicht zwingend Probleme.
Es verteilt Themen gleichmäßig auf mehrere Schultern – und genau darin liegt seine stille Effizienz.
Und es kennt nun jeder den optimalen Garpunkt für Grillgut.
